Sessel für Psychotherapeuten: Werkzeug oder Machtsymbol?
Ich sitze in meinem Sessel und überlege, ob man IN oder AUF Sesseln sitzt und komme zu dem Schluss, dass das wohl vom Sessel abhängt. Meiner ist aus Eichenholz, mit grau-beigem Webstoff und lädt zum Lümmeln ein, aber nicht zum Versinken. Damit entspricht er der psychodynamischen Idee, dass der Patient Heilung erfährt im Rahmen einer vom Psychotherapeuten angeleiteten, begrenzten Regression, die meist einmal wöchentlich und exakt 50 Minuten lang geht. Wirklich bequem wird es nur bei den Psychoanalytikern, auf deren Couch sich der Analysand drei oder sogar vier mal die Woche deutlich tiefer fallen lassen kann. Gegenüber von meinem Sessel steht sein Zwillingsbruder. Schönheit war zwar das kaufentscheidende Merkmal, doch heute weiß ich, dass auch Sesseleigenschaften quantifizierbar sind, mein "Timon" (Studio Kopenhagen) hat nämlich eine Lichtbeständigkeit von 5 ("gut"), eine Pillingbildung von 5 ("keine Pillingbildung") und eine Scheuerbeständigkeit von 40.000 Scheuertouren (aha). Außerdem zeigt eine Studie, dass Patienten solche Sessel bevorzugen: Runde Kanten und weiche Oberflächen, warme Farben, Bequemlichkeit - alles weitere Faktoren, um ein einladendes Umfeld für Patienten zu schaffen. Ich bin froh, dass ich die Studie nicht kannte, als ich auf der Suche nach geeigneten Sesseln war, schon aus Trotz gegen diese Praktikabilität hätte ich mich wohl für etwas ganz Anderes entschieden. Die gleiche Studie suggeriert übrigens auch, dass Patienten aufgeräumte Behandlungsräume bevorzugen, jedoch sieht es bei mir meistens so aus, als würde ich Gruppentherapie für Hooligans mit ADHS anbieten. Ich rede mir ein, das sei authentisch.
Authentizität gibt es beim Psychotherapeuten, wenn überhaupt, nur selektiv und der durchgesessene Ikea-Stuhl, auf dem ich zu Beginn behandelte, hatte zwar in meinen Augen einen gewissen abgerockten Charme, war aber hässlich, unbequem und sah billig aus. Am anderen Ende des Spektrums findet sich der legendäre Eames Lounge Chair. Der ist schön, bequem und sieht fast so teuer aus, wie er ist. Es ist ein Sessel für sechzigjährige Rechtsanwälte und wäre unglaubwürdig. Zwar nicht zwangsläufig vor den Patienten, die sowieso aus ihrem Innenleben heraus das auf den Psychotherapeuten projizieren, was sie dort brauchen und daher eine erstaunliche Toleranz für Grillen und Macken aller Art haben, aber eben vor mir selbst - zu nah ist die Assoziation an die Füße des kleinen Jungen in Vaters Puschen und zu groß meine Furcht, dass ich, wenn ich anfange den Therapeuten zu spielen, aufhöre, Therapeut zu sein.
Ganz praktisch wären zwei Eames Lounge Chairs zu groß für meine kleine Praxis. Doch wieso eigentlich zwei? Patient und Behandler können durchaus auf verschiedenen Möbeln Platz nehmen. In einem der Ratgeber zur Gründung einer Psychotherapiepraxis, die ich vor meinem Start in die Selbständigkeit las, begründet der Autor sogar ausführlich, wieso er einen größeren, besseren Sessel habe als seine Patienten - immerhin sitze er acht Stunden täglich darin, das Gegenüber aber nur 50 Minuten in der Woche. Außerdem herrsche in der Psychotherapie eine “informelle Hierarchie”, die Sessel seien schlicht der Ausdruck der naturgegebenen Machtverhältnisse. Doch - warum zum Henker - kann eine informelle Hierarchie nicht auf identischen Sitzmöbeln bestehen? Der Verdacht liegt nahe, dass der eigentliche Zweck der unterschiedlichen Möbel die Herstellung der Hierarchie ist. So berichtete eine Patientin einst vom Erstgespräch bei einem Kollegen: “Ich saß auf einem Hocker und der Herr Doktor auf einem verdammten Thron. Es war lächerlich.”
Da kann ich nur zustimmen. In meinen Augen handelt es sich bei den ungleichen Sesseln um mehr als eine bloße Stillosigkeit. Es ist eine Abstinenzverletzung: Das Bedürfnis des Behandlers nach dem Anschein von Macht wird über die technische Neutralität gestellt, die narzisstische Gratifikation über die therapeutische Beziehung. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe bei der Praxiseinrichtung: Einen Raum zu schaffen, in dem es um Psychotherapie geht, nicht mehr und nicht weniger.