Wie weihen Psychotherapeuten ihre Praxis ein?
Es ist geschafft. Endlich ist das gelobte Land erreicht: Die eigene Praxis ist für viele Psychotherapeuten das eigentliche Ziel der langen, nervtötenden Ausbildung, für manche einfach der Notnagel, um einer fad gewordenen Festanstellung zu entfliehen. Der neue Lebensabschnitt, das Bewältigen einer Schwellensituation und die damit einhergehende Unabhängigkeit, der unternehmerische Geist und die zu erwartenden Einnahmen wollen gefeiert werden. Hier möchte ich ein paar Ideen und Tipps für die Einweihungsfeier einer Psychotherapiepraxis sammeln und von meiner eigenen berichten. Vielleicht hilft es ja zukünftigen Praxiseröffnern - oder deren Gästen. Falls Du also jemals von Fragen geplagt bist wie "Wen sollte man überhaupt einladen?”, “Was wird vom Gastgeber und Gästen erwartet?”, “Bringt man ein Geschenk und muss es wirklich noch eine Orchidee sein?” findest Du hier Antworten.
Die Größe der Feier ist durch die meist eher kleinen Räumlichkeiten vorgegeben. Wenige Psychotherapeuten haben das Glück, die Praxis in einem separaten Teil des Eigenheims zu haben. Für sie ist die Einweihung delikat: Nicht jeder, dem man die eigene Praxis zeigen möchte, ist auch willkommen im Wohnzimmer. Die Mehrheit der Psychotherapeuten muss sich solche Fragen aber nicht stellen.
Vernünftig ist es sicherlich, die Feier als Rahmen für das Networking zu begreifen und potenzielle “Zulieferer” wie niedergelassene Kollegen, ehemalige Supervisoren, und einige lokale Hausärzte und Psychiater einzuladen. Psychologen wissen natürlich, wie wichtig der erste Eindruck ist - nach diesem ändern wir unsere Einschätzung nur bei sehr großem Kontrast. Hier ist also die Chance, die neuen Räume als Bühne zu nutzen. Dabei muss man sich nicht zu sehr verstellen, denn die Teilhabe an Freude und Aufbruchstimmung sind hier um Längen wichtiger als das Prahlen mit Fachwissen oder Erfahrungen. Trotzdem bedeutet dieser Weg zwangsläufig eine Abend im Performance Modus: Es gilt, einigermaßen nüchtern zu bleiben, die witzigsten Zoten nicht zu erzählen und Gastgeber - statt Prinzessin - zu sein. Das Gute an diesem Setting ist, dass die zu oft gehörten Fragen (“Analysierst Du mich gerade?” und “Ach du verschreibst gar keine Medikamente?”) wohl nicht gestellt werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach bleibt so eine Vernunft-Party kurz und gesittet: Räume zeigen, gute Laune verbreiten, Anstoßen und Reinhauen. Hier ist das klassische Gastgeschenk eine Flasche Wein: Um Topfblumen muss man sich kümmern, Schnittblumen sind vielleicht welk, bevor der erste Patient kommt und die Beziehung ist nicht eng genug, um wirklich persönliche oder witzige Geschenke zu machen. Brot und Salz gehören ja irgendwie dazu, vielleicht in Edelform als teure Cracker mit Himalayasalz.
Deutlich vernünftiger als das oben beschriebene “Vernünftige” fand ich, Spaß zu haben und die neuen Räume mit Freunden und Familie zu teilen. Und weil sie mich gut kennen, war niemand überrascht, dass die Praxis halbfertig war: Zwar gestrichen, aber bis auf vier Sessel, die sich auf drei Räume und eine Küche verteilten, noch nicht möbliert. Du solltest dich in diesem Fall vorher damit abfinden, dass es einen Kratzer im neuen Parkett, einen Rotweinfleck an der frisch geweißten Wand und Krümel im Sessel, die man noch Monate später findet, geben wird. Mit ein bisschen Glück warst Du an wenigstens einem Malheur beteiligt und ärgerst Dich nicht zu sehr über die Partygäste. Mir war bei meiner Eröffnung eine große Freude, dass die Gäste aus den verschiedenen Facetten meines Lebens kamen - vom Schulfreund zum Kollegen, von der Schwiegermutter zum mitgebrachten Kleinkind. Entsprechend persönlich waren die Gespräche und Geschenke. Neben Blumen und Wein, Salz und Brot gab es auch ironische Tarotkarten und confierten Knoblauch mit Kaugummis: Zur professionellen Nähe-Distanz-Regulierung.