5 Networking Tipps für Psychotherapeuten
Wir Psychotherapeuten sind ein Rudel Katzen und ich bin keine Ausnahme. Das zeigt sich auch an den viel zu vielen Foren, in denen man sich miteinander organisieren kann. Es gibt bekanntlich mehrere Therapieverfahren, die sich in diverse, konkurrierende Therapieschulen unterteilen lassen, welche wiederum von diversen, konkurrierenden Ausbildungsinstituten gelehrt werden. Ferner gibt es dutzende Berufsverbände, manche verfahrensspezifisch, manche verfahrensübergreifend, in denen man sich engagieren, organisieren und amüsieren kann. Doch wenn ich mit meinen selbständigen Kollegen rede, wird deutlich: Trotz, oder vielleicht auch wegen, dieses scheinbaren Überangebots herrscht eine große Einsamkeit. Dieser kann und sollte man unbedingt begegnen, also habe ich fünf Ratschläge gesammelt, wie man sich als Psychotherapeut ein tragfähiges Netzwerk von Kollegen und Kolleginnen aufbauen kann.
Mailinglisten und Chatgruppen
Ich bin Teil von drei Mailinglisten. Eine davon ist selbstverwaltet und konzentriert sich auf das Thema Kostenerstattungsverfahren in Berlin. Hier klären wir auf kurzem Dienstweg Kapazitäten für neue Patienten, geben Tipps zum Umgang mit den nervigsten Krankenkassen und empfehlen Spezialisten (letztens etwa “neurodivergent- und queerinformierte:r Therapeut:in für autistische Transperson mit Konflikt im Polykül”). Die anderen beiden Listen werden vom Berufsverband DPTV betreut. Qualitativ nehmen sie sich nicht viel, aber die Berliner Liste fühlt sich etwas heimeliger an - und kostet im Gegensatz zu den beiden professionell betreuten keine 400€ Jahresgebühr. Zwar gibt es auch Momente von Frustration, beispielsweise wenn das Postfach zugemüllt wird von automatisch antwortenden Abwesenheitsnotizen, die sich gegenseitig anpingen und allen Mitgliedern der Liste antworten, oder sich mal jemand im Ton vergreift. Unterm Strich sind die Listen aber bündig auf das Wesentliche beschränkt und sind für mich, weit vor Fachzeitschriften, der wichtigste Quell von berufspolitischen Informationen und den Gerüchten des Buschfunks.
Ich bin Teil von zwei Whatsappgruppen für selbständige Psychotherapeuten mit dreistelliger Mitgliederzahl. Im Vergleich zu den Mailinglisten gefallen sie mir weniger. Ihr Vorteil ist die Niedrigschwelligkeit, die auch ihr größter Nachteil ist. Denn die schnell gestellte Frage lädt zu schnellen und falschen Antworten ein. Trotz der Kritik schätze ich die Gruppen, die aus meinem Ausbildungsinstitut hervorgegangen sind, sehr: Diese halten das “Wir-Gefühl” am Leben, welches sich in der Ausbildung gebildet hat.
Intervisionsgruppe
Für tiefenpsychologische Psychotherapeuten ist Supervision (also Beratung von “oben”) und Intervision (Beratung zwischen einander auf Augenhöhe) ein unverzichtbarer Bestandteil der Arbeit. Eine tiefenpsychologische Psychotherapie geht immer mit einem gewissen Maß an Verstrickung und entsprechenden blinden Flecken einher und benötigt deshalb neben Patient und Therapeut ein drittes Element. Natürlich profitieren auch Verhaltenstherapeuten von professionellem Austausch. Meine Erfahrung ist, dass jenseits der fachlich-theoretischen Funktion, in der man sich über psychotherapeutische Konzepte austauscht, wahnsinnig kluge Sachen sagt und Übertragungsdynamiken reflektiert, diese kollegialen Gruppen noch zu etwas gut sind: Sie sind ein Bund von Leidensgenossen, bei denen man sich auch mal auskotzen kann. Außerdem kann man mit den richtigen Kollegen auch gut Bier trinken. Ähnlich wie bei den Fortbildungen im nächsten Punkt empfehle ich unbedingt offline Treffen!
Fortbildungen und Kongresse
Schon häufiger habe ich folgende Fehlinformation gehört: Psychotherapeuten mit Kassensitz hätten eine Fortbildungspflicht, Psychotherapeuten ohne hätten keine. Die Wahrheit ist deutscher: Beide haben eine Fortbildungspflicht, aber nur die Vertragstherapeuten haben eine Nachweispflicht. Das heißt, man kann sich ohne weiteres um Fortbildungen drücken. Außerdem gibt es ein breites Angebot an sehr niedrigschwelligen, oft sogar kostenlosen Fortbildungen, die man online wahrnehmen kann. Aber so praktisch das auch ist: Würden wir unseren Patienten raten, ihr Sozialleben über Discord oder Teams zu gestalten? Wahrscheinlich nicht. Menschen aus Fleisch und Blut ins Gesicht zu schauen, statt auf einen Bildschirm zu kucken, tut uns offenkundig gut.
Letzten Mai habe ich mir eine teure Fortbildung gegönnt: 400€ für ein Wochenende mit ungefähr 40 Kollegen. Sicherlich hätte ich mir für weniger Geld ein Fachbuch kaufen können, oder online Kurse besuchen können und mich auf meiner Couch fortbilden können. Stattdessen saß ich mit einem Studienfreund in einem modernen Tagungsraum, aß in den Pausen Unmengen (“hab ja dafür bezahlt”) vom Catering und lernte neue Kolleginnen kennen. In den Pausen vertrat ich mir die Beine in den danebenliegenden Ruinen der Klosterkirche und quatschte mit meinem Freund, der mir von Henna und indischen Hochzeitstänzen erzählte. Nach der Veranstaltung, es wurde schon dunkel, rauchten wir einen Joint und spazierten die Spree entlang zur Museumsinsel. Es war die erste laue Sommernacht des Jahres. Am Humboldtforum vorbei, beim Lustgarten vor dem Alten Museum hielten wir an, um uns zu verabschieden; wir waren beide längst an unseren Haltestellen vorbei. Der Platz war beinahe völlig leer. Dort hörten wir eine seltsame Melodie, ganz schwach durch den Abendwind herangetragen. Wir folgten den Tönen, durch das klassizistische Bauensemble, bis zur Brücke am Neuen Museum. Dort stand unter dem warmen Lichtkegel einer Laterne ein Mann und spielte auf seiner Gitarre Lieder, die nur wir beide zu hören schienen und die für diesen Moment die gesamte Welt waren. Dieser Abend stärkte das Band zwischen meinem Freund und mir auf eine Weise, wie man sie jenseits der Dreißig nicht mehr oft erlebt. In meinen Augen ist das die wirkliche Chance solcher Gruppenveranstaltungen: Man knüpft und schmiedet Bande und aus diesen Banden entsteht ein Netzwerk, das von größerer Bedeutung ist als eine bloße Seilschaft für das berufliche Fortkommen. Ich bin sehr froh, dass ich an diesem Wochenende nicht den niedrigschwelligen Weg genommen habe und beim PlayStation spielen eine Fortbildung auf dem Laptop habe laufen lassen.
Engagement an einem Institut
Die psychotherapeutische Weiterbildung findet nach wie vor oft an (teil-)ehrenamtlichen Instituten statt, die meist durch eine geteilte Ideologie oder “Schule” zusammengehalten werden. Entsprechend bieten insbesondere die psychoanalytischen Institute ein großes Identifikationspotenzial: Aus Kandidaten werden Dozenten, aus Dozenten werden Supervisoren und Lehrtherapeuten und aus diesen wird dann eine Institutsleitung. Ein bisschen wie bei den Jedi. Die so gebildeten Netzwerke sind besonders stabil. An manchen Instituten gibt es Arbeitskreise, etwa zum Thema “Umweltschutz und Psychotherapie” oder “Film und Psychoanalyse”. Um ganz ehrlich zu sein, tue ich mich mit solch festen Strukturen ziemlich schwer. Ich meine, dass es Vielen so geht. Auch in Freundschaften und sozialem Engagement gibt es eine gewisse Bindungsscheu, auch hier bevorzugen jüngere Menschen Situationships gegenüber ewiger Treue. Das ist ein Grund, weshalb es ein allgemeines Vereinssterben in Deutschland gibt. Diese Vereinsmeierei bringt sicherlich nicht nur Vorteile mit sich, aber sie trägt auf jeden Fall zur Vielfalt der therapeutischen Landschaft bei und bietet eine Heimat für die engagierten Mitglieder. Deswegen ist sie auch besonders geeignet für Kollegen und Kolleginnen mit stabiler ideologischer Position, also für -ianer. Meine Vorstellung war einmal, dass man an diesen Stellen verbohrte Frömmler findet, die, die wirklich-wahre Lehre verbreiten wollen und dabei gegen vermeintliche Häretiker vorgehen. Die Erfahrung zeigt, dass das selten stimmt: Die tatsächlichen Menschen, die ich bisher kennenlernen durfte, sind aus dem stabilen “Wir” heraus erstaunlich aufgeschlossen. Diese Überzeugungstäter halten eine Vielfalt am Leben, die andernfalls längst dem Zeitgeist zum Opfer gefallen wäre. Ob vor dem Bindestrich nun Freud-, Jung-, Adler-, Klein-, Lacan- oder wer auch immer steht, ist weniger wichtig als die Überzeugung, dass die eigene Schule etwas Wertvolles zu schützen hat.
Berufspolitik
PiA-Forum, Berufsverband, Psychotherapeutenkammer, "Psychologists for Future": mir persönlich ist das alles etwas suspekt. Ich bin kein Gremienmensch und werde vermutlich auch keiner mehr. Diese “too cool for school” Attitüde sollte ich wohl unter die Lupe nehmen, wenn ich wieder selbst eine Therapie mache. Denn bei aller ostentativer Ablehnung ist mir irgendwo klar, dass die langsamen Mühlen der Gesundheitspolitik überhaupt mahlen, liegt an Kollegen, die ihre Abende in Sitzungen verbringen statt auf der Couch. Ihnen gebührt Dank. Und wer sich in solchen Strukturen wohlfühlt, findet dort Netzwerke, die nicht nur kollegial tragen, sondern auch politisch etwas bewegen können. Neben politischer Überzeugung braucht man dafür das sprichwörtliche “dicke Fell”, Sitzfleisch und den Mut, sich gerade zu machen.
Beim Schreiben dieses Artikels fällt mir auf, dass die eigentliche Vernetzung nicht in den eigentlichen Strukturen (beim Vortrag, im Gremium, in der Intervision) entsteht. Wir verbinden uns miteinander im Unstrukturierten: in der Raucherpause, beim Spaziergang zur falschen Haltestelle, beim Bierholen, eben in den Momenten, die nicht im Programm stehen. Eine möglichst häufige oder gezielte Teilnahme an Veranstaltungen ist also nicht so wichtig. Wichtiger ist es, sich Gönnen zu können und damit Raum für wahrhaftige Verbindungen zu schaffen.